KLASSENTREFFEN ABI-JAHRGANG 1963

Sommer 1963. Es war der Sommer, in dem US-Präsident Kennedy im geteilten Berlin einer jubelnden Menge zurief: „Ich bin ein Berliner!“. Die „Beatles“, revolutionierten unsere Schlagerwelt und unsere Haartracht. Die Bundesliga wurde eingeführt – ohne den FC Bayern! – und an der Oberrealschule Deggendorf machten vierundvierzig hoffnungsvolle Jungmänner und Jungfrauen (letzteres nur generisch gesichert!) ihr Abitur.

Sechzig Jahre ist das nun her. Doch die Schüler der 9a und 9b von damals haben sich nie aus den Augen verloren. Über die Jahre sind wir immer wieder zusammengekommen. Auch wenn unsere alte Schule heute humanistisch aufgewertet „Comenius-Gymnasium“ heißt und Jahrzehnt um Jahrzehnt leise an uns vorbeitickte, der Blick zurück auf unsere gemeinsame Oberrealschulzeit ganz – na, fast ganz – ohne Zorn, war und ist ein starkes Band.

Und so hieß: „Weißt du noch?“, auch diesmal einer der häufigsten Sätze bei unserem zweitägigen Jubiläums-Treffen in Deggendorf an einem sonnigen Juli-Wochenende.

„Weißt Du noch, wie wir im Heizungskeller unten heimlich g´raucht haben?“  Und der Fischer Bull hat´s g´wusst aber nichts g´sagt. “Der „Fischer Bull“, unser ziemlich grantiger Hausmeister, verkaufte in der Pause auf dem Gang im Parterre Brezn – Stückpreis damals acht Pfennig – und abenteuerlich dünn belegte Wurstsemmeln, da war ein bisschen Nachsicht seinerseits sicher geschäftsfördernd.

Oder wie der Heller in der letzten Englisch-Stunde vor den Ferien uns immer spannend über die deutschen Panzertypen im Zweiten Weltkrieg erzählte, den „Panther“, den“ Tiger“, den „Königstiger“? Der Krieg war ja erst zwanzig Jahre her, unser Professor hatte ihn selbst als junger Panzerfahrer in Afrika miterlebt. Und wir alle aus der Abiturklasse 1963 waren vor 1945 geborene Kriegskinder. Nachkriegshunger, Schwarzhandel. Währungsreform, geteiltes Deutschland waren und sind für uns kein historischer Lernstoff, sondern erlebte Wirklichkeit.

Ja doch, Computer gab es schon, riesige Dinger, die ganze Säle füllten und weit weg von unserem Alltag piepsende Satelliten auf Kurs hielten. Aber Handy oder gar Smartphone waren noch nicht einmal angedacht. Wer bei sich zuhause ein Telefon in der guten Stube stehen hatte, gehörte schon zu den Privilegierten, wir anderen standen an der gelben Telefonzelle Schlange, um uns fernmündlich zu verabreden. Und Oberstufen-Mathematik mussten wir mit dem Rechenschieber zu Leibe gehen, einer Messlatte mit beweglicher Mittelschiene. Diesem Wunderding konnte man – wenn man es konnte! – Logarithmen, Wurzeln oder Sinuskurven entlocken.

Eins durften wir in der Oberrealschule nicht: Barfuß zum Unterricht kommen. Zumindest in meiner Volksschule (heute Grundschule) zu Plattling, war das zur Sommerszeit noch gang und gebe gewesen. Unserem Lehrkörper, dessen Mitglieder wir respektvoll als „Herr Professor“ oder „Frau Professor“ anzusprechen hatten, war es aber auch nicht mehr erlaubt, uns wie ihre Volksschulkollegen mit „Tatzn“, schmerzhaften Stock-Hieben auf die Handflächen, zu besseren Menschen zu machen.

Sechzig Jahre Abitur zu feiern bedeutet Nostalgie. Klar, aber auch ein bisschen trotzig: “Na und?“ Es lebe die Gegenwart! Viele von uns nutzten unser Treffen zu einem gemeinsamen Bildungsausflug ins Kloster Metten. Ein beredter Mönch führte uns durch die grandiose barocke Klosterbibliothek und der Daumerlang Toni, schon zu Schulzeiten musikbegeistert und später Musiklehrer, gab uns im Rokoko-Konzertsaal zusammen mit seiner Frau eine beindruckende Probe seiner Meisterschaft auf der Geige und dem Klavier:  Beethoven, Schubert. (Nebenbei, unserer Schule ist er näher geblieben als jeder andere: Er beendete seine Laufbahn als Direktor des Comenius-Gymnasiums.)

Am Abend saßen wir gemütlich beisammen im Gasthof Höttl bei der großen Nostalgie-Schau, die Vroni und Irmgard, die unermüdlichen Organisatorinnen unseres Treffens, zusammengestellt hatten. Digital, wir sind doch auf der Höhe der Zeit! (Danke Vroni, Danke Irmgard!) Bei den frühen Klassenfotos in Schwarz-Weiß erkannten wir uns fast alle wieder.  Nur ganz wenige Ausreißer, ganz wenig boshafte Zwischenrufe: „Was des soi wirklich da Ede sei?“. „Na, da bist heit´ fast besser beianander, Ilse.“

Je weiter die Foto-Show – dann von Klassentreffen zu Klassentreffen – optisch voranschritt um so ähnlicher wurden wir auf den Fotos unserem heutigen Ich. Und wir fanden uns – sollte der steigende Alkoholpegel dabei eine Rolle spielen? – Respekt, Respekt, alle doch sehr gut erhalten, die mitgebrachten Ehegatten und -gattinnen eingeschlossen. Da eine Falte mehr, da ein paar Kilo zu viel, da grau oder weiß oder gar nichts mehr, wo das Haar einst blond, brünett und schwarz wallte. „Guat schaust aus!“ komplimentierten wir uns gegenseitig – und übertrieben nur gaaanz wenig. Dass ab und zu an misslichen Wörtern wie „Herzschrittmacher“, „Prostata-OP“, „künstliches Kniegelenk“ oder „Hörhilfe“ kein Vorbeikommen war, nahmen wir mit resignierend wissendem Kopfnicken hin. Und zeigten uns dann stolz die Fotos unserer Enkelkinder – auf dem Smartphone, versteht sich.

Wer ganz fehlte, waren unsere Lehrer von damals. Der Longus, der Blattl, das Nanderl, der Habergocko, der Knacker, die Bulldog-Mare oder wie sie sonst im kreativen Schülerjargon hießen.  Früher war immer der eine oder die andere erschienen. Für unser Sechzig-Jahre-Treffen gab die durchschnittliche Lebenserwartung das schlicht nicht mehr her.

Doch auch unsere fröhliche Runde ist schütterer geworden. Von vierundvierzig Absolventen trafen sich zwanzig im Höttl vor Ort. Neun Ehemalige waren schon im Lauf der Jahre verstorben – alle zu früh. Fünfzehn waren nicht erschienen. Gesundheitsprobleme, Trauerfälle in der Familie, Urlaubspläne oder einfach ohne Angabe von Gründen.

Eine davon war uns dennoch sehr nahe.  Wiltrud aus der 9b. Wiltrud war digital zugeschaltet und begrüßte uns alle lächelnd über Video. Sie lächelte sehr tapfer. Sie lag im Freisinger Krankenhaus an Schläuchen. Krebs weit fortgeschritten. Sie freue sich so sehr dabei zu sein. Wir wünschten ihr baldige Genesung. Sie winkte uns noch einmal zu, bevor ihr Bild verschwand und wir zu Bier und „Weißt–du-noch?“ zurückkehrten. 

Als wir am Morgen darauf unter den Sonnenschirmen des Rathaus-Cafés „Amelie“ unser Jubiläums-Treffen ausklingen ließen, herrschte in der Runde Einstimmigkeit, uns das nächste Mal schon in drei Jahren zu sehen. Carpe diem. Wiltrud hätte bestimmt auch genickt. Lächelnd. Ein paar Wochen später war Wiltrud tot.