Erinnerungen an Herbert Schild, der Achternbusch

Der bekannte Schriftsteller, Filmregisseur und Maler Herbert Achternbusch (geboren am 23.11.1938 als Herbert Schild) ist am 10. Januar 2022 verstorben. Was viele nicht (mehr) wissen: Er war ehemaliger Schüler des Comenius-Gymnasiums. Sein früherer Mitschüler und Freund Günter Rümmelein erinnert sich an ihn.

Es war wohl im September 1953 als Herbert in unsere Klasse 4 b eintrat, da ihn seine Mutter zu den Großeltern nach Mietraching brachte, damit er mit mehr Erfolg in der niederbayrischen Provinz in Deggendorf die Oberrealschule besuchen kann. Der ruhige Mitschüler gehörte schnell in unsere Mitte und machte jeden Blödsinn mit, fast.

Gerne beteiligt er sich an den geschätzten Ausflügen der Schule. Besonders bewegte ihn offenbar der Skiausflug 1956 auf den Obersalzberg, da ihn dieser Ort der Nazi-Größen an das Leid seines Vaters erinnerte, der im Krieg als Soldat den Tod fand. Trotzdem ging er gerne auf die Skitour zum Rossfeld, nutzte aber auch die Freiheit, die uns der Skiunfall eines Lehrers bescherte, um mit einigen Kameraden auf Entdeckung zu gehen.

Herbert war immer ein sehr lieber Klassenfreund, zugänglich und mitteilsam mit Humor und beherzten Widersprüchen, aber immer freundlich und mit Respekt. Mal wie Valentin, aber auch als heimlicher Philosoph. Eigene Autorität war im fremd, aber von Vorgesetzten hat er sie nicht ertragen. Und dass ich nicht vergesse, er war sehr sportlich, vor allem als Leichtathlet etwa nach der 7. Klasse einer der besten Sprinter an der Schule.

Es gibt so manches Ereignis zu erzählen, aber hervorzuheben ist das Winterquartal 1956/57. Da kam Herbert zu uns ins Schülerheim und zwar auf die Bude zu Werner und mir, so dass wir einige Monate zusammen auf kleinem Raum lernten, Brotzeit machten, schliefen, vor allem aber lebten. Mit viel Spaß, weniger Arbeit, dafür mit eigenen und gemeinsamen Hobbys.

Herbert zeigte hier schon seine Malkunst, mit dem ausgeprägten eigenen Stil, der uns immer wieder ansprach. Seinen besonderen Humor zeigte er am Faschingsdienstag 1957, als er mich überredete, eine sehr enge rote Strumpfhose anzuziehen und damit auf den Ball zu gehen. Wir waren schon eine ganz gute Truppe, die am Abend im Café Mitterwallner auftauchte.

Natürlich verursachte mein Aufzug das Gelächter der anderen Besucher, doch Herbert hielt fest zu mir, so dass ich damit immer mehr zurechtkam und sogar mit meinen langen dünnen roten Beinen den Tross zum Begräbnis des Faschings anführen durfte.

In der 8. Klasse erlebte ich die kritische Einstellung von Herbert gegenüber so manchen Lehrer, als uns Prof. Arnold im Chemie-Arbeitsraum einen Aufsatz in Deutsch nachholen ließ. Herbert nahm eines der zur Wahl gestellten 3 Themen, ich ein anderes und wir schrieben drauf los, soweit uns neben lästern über Raum und Lehrer die vorgegebene Zeit reichte. Die Benotung von Arnold ließ nicht auf sich warten. Während ich die Note mit Begründung einigermaßen hinnahm, urteilte Herbert gemäß seinem Stil auf mehr als einer Seite, sehr zur „Freude“ von Arnold über die schwache Note mit dem Kommentar dazu. Herbert musste für die 8. Klasse eine Ehrenrunde drehen. Aber auch das war Herbert: Noch als Schüler erlebte er Vaterfreuden.

Ein paar Jahre später war ich als Student in Nürnberg im Park am Dutzendteich spazieren und mitten in Gedanken stand plötzlich ein junger Mann vor mir, der mich mit seiner Stellage und Zeichenblock unterm Arm verwundert anblickte. Es dauerte wohl fast eine Minute bis wir uns erkannten und auch Herbert seine Freude über das völlig unerwartete Wiedersehen erkennen ließ. Nachdem wir uns kurz zu den vergangenen Jahren austauschten, unseren Aufenthalt in Nürnberg an Uni bzw. Akademie erklärten und ein Treffen planten, trennten uns wieder die eigenen Wege.

Jahre später las ich in der Zeitung zufällig über Auseinandersetzungen des Künstlers Achternbusch mit seinem Förderer, dessen Scheck er nicht annahm und zerriss, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: das kann nur mein Schulfreund Herbert Schild sein. Dann verfolgte ich nur in der Presse mal seine weiteren Einfälle von der Verunglimpfung seiner Schulheimat Plattling/Deggendorf bis zum Streit mit Minister Zimmermann zu seinem Film „Das Gespenst“, wozu ich ihn zu trösten versuchte.

Ein paar Jahre danach zog ich berufsbegleitend nach Herrsching, wo ich als fleißiger Andechsgeher Herberts Stücke zu diesem Ort nicht nur aufnahm, sondern auch verstand. Im Winterhalbjahr ging ich jeden Freitag bei Wind und Wetter ab 17 Uhr mit Freunden ins Bräustüberl und kehrte wie üblich nach Schließung der Schänke um 20 Uhr im Gasthof zur Post in Erling/Andechs ein. Eines Freitags nach dem wöchentlichen Stammtisch entdeckte ich im Vorbeigehen durch das Fenster einen markanten Kopf mit Hut, Herbert. Treffen in der Post folgten dann noch öfter, bis Herbert von Ambach am Starnberger See wieder nach München zog.

Einmal fragte ich ihn, ob er nicht seinen eigenen, mir nahen Stil, der gemeinsamen Schulzeit widmen könnte, was er ohne großen Kommentar aufnahm. Vielleicht 2 Jahre später wagte ich, ihn nach dem etwaigen Buch zu fragen. Seine für ihn typische Antwort lautete: „Gehst zum Hugendubel, der hot gnua davo, ,Wohin?‘ hoasst’s“ Gesagt, getan und ich fand mich auf Seite 120 (von 319), nach dem Urteil meiner engsten Umgebung, treffsicher skizziert. In den für Achternbusch typischen Geschichten dieses Buches zeigt er seine in die Weite reichende Phantasie ohne Rücksicht auf Zeit und Raum, jedoch immer wieder ausgehend von einer ihn besonders berührenden Realität, die er dann auch deutlich ohne Scheu zum Besten gibt. Auch fehlen nicht die Seiten über unsere Schulzeit, auf denen er die sogenannten Lehrer mit seinem spöttischen, phantasievollen Stil so lebendig und doch fast liebevoll schildert, dass ich sie gut erkannte und gerne an sie zurückdachte. Das wohl letzte Erlebnis in der Post war dann wieder das Begräbnis des Faschings, das er auf seine Art zu gerne zelebrierte. Diesmal feierte ich aber ohne rote Strumpfhose recht fröhlich mit ihm und seiner Gilde. (…) 

Allen aus seiner Familie, die mit mir trauern, bekunde ich meine tiefe Anteilnahme. Trotz der langen Zeit auf verschiedenen Wegen bleibst Du als echter, aufrichtiger Freund in meinem Gedächtnis haften.

Servus Herbert!